
Radio Riesbach
Das erste Quartierradio der Schweiz
Herzlich willkommen bei Radio Riesbach! Das war das erste Quartierradio der Schweiz und es sendete zwischen 1984 und 1991 aus dem ersten Stock des Gemeinschaftszentrums Riesbach in Zürich.
Wir möchten Ihnen einen Einblick in diesen besonderen Quartiersender geben und zeigen, in welcher Zeit er entstand und welche Menschen ihn prägten. Etwa ein Drittel der insgesamt 709 Radio Riesbach produzierten Sendungen sind bis heute erhalten geblieben.
Über die Links auf dieser Seite gelangen Sie direkt zu Ausschnitten aus ausgewählten Beiträgen. So erhalten Sie einen Eindruck, wie sich das Radio und auch das Quartier in den 1980er-Jahren anhörte. Dazu finden Sie immer auch den Link zur Seite des Sozialarchivs, wo das gesamte erhaltene Sendungearchiv zugänglich sind.
Ein Radio aus dem Quartier
Als Radio Riesbach am 1. April 1984 auf Sendung ging, waren viele skeptisch.
Die Idee eines solchen Kleinstradios war ja schön, aber liess sich das überhaupt umsetzen? Und wie: In den folgenden sieben Jahren war der Sender zwei Mal die Woche für ein bis zwei Stunden zu hören. Wer am Donnerstag Abend oder am Sonntag Mittag sein Radiogerät auf der richtigen Frequenz einstellte, konnte hören, was aktuell im Quartier lief. Denn jede Sendung begann mit dem «Quartierjournal», einer Zusammenstellung der wichtigsten Veranstaltungen und Informationen für das Gebiet zwischen Tiefenbrunnen, Bellevue, Seeufer und Klusplatz.
Gemacht wurden die Sendungen von etwa einem Dutzend mehr oder weniger involvierter Quartierbewohner:innen, die bis dahin noch keine oder kaum Radioerfahrung hatten. Alle waren ehrenamtlich für das Radio im Einsatz. Es gab eine Redaktionsgruppe, die sich alle zwei Wochen traf und das anstehende Programm festlegte. Und eine Technik-Gruppe, die dafür sorgte, dass alle Programme richtig aufgenommen und gesendet wurden. Das Studio von Radio Riesbach befand sich im ersten Stock des Gemeinschaftszentrums, auf dem Dach stand die Antenne.
Getragen wurde das Quartierradio von einem Verein, der im Lauf der Jahre zwischen 140 und 180 Mitglieder hatte. Die 30 Franken, die jedes Mitglied pro Jahr bezahlte, waren eine wichtige Einnahmequelle. Denn Radio Riesbach war komplett werbefrei. Dazu kamen Spenden, Gönnerbeiträge und Erlöse aus Flohmärkten und Festen. Aber die Finanzen waren immer knapp, denn das Radio musste neben Betriebs- und Materialkosten auch noch Gebühren für die Nutzung der Sendefrequenz und fürs Ausstrahlen von Musik bezahlen.
Radio Riesbach wollte ein Hörer:innenradio sein, aus dem Quartier, von und für das Quartier. Die Redaktionsgruppe wollte die Quartierbewohner:innen dazu animieren, mit ihrer Hilfe selber Sendungen zu gestalten. Im Laufe der Jahre probierten sie dazu verschiedene Formate aus. Radio Riesbach strahlte Interviews und Gruppengespräche aus, nahm Töne von Spaziergängen auf, sprach mit Anwohner:innen über ihre Kindheit im Quartier und befragte sie zu aktuellen Themen auf der Strasse. Manchmal wurde auch direkt ausserhalb des Studios gesendet, von einer Wiese, vom Seeufer oder, in mehrstündigen Live-Sendungen, von der «Schweizerischen Radio- und Fernsehausstellung» aus dem Zürcher Kongresshaus.
Die Macher:innen träumten davon, das Modell von Radio Riesbach auch auf andere Quartiere in der Stadt auszudehnen. Dazu wollten sie ihre Frequenz an den Tagen, an denen Radio Riesbach nicht sendete, anderen Quartierradios ausleihen. Verwirklicht wurde das «Radio mobil»-Konzept leider nie. Und auch die gewünschte Beteiligung aus dem eigenen Quartier blieb kleiner als erhofft. Nachdem das Kernteam vergeblich nach neuen, engagierten Radiostimmen gesucht hatte, verkündete es im Frühjahr 1990, keine neue Sendeerlaubnis zu beantragen. Wenige Monate vor Sendeschluss wurde die gesamte Aufnahmeausrüstung gestohlen, aber die Radiomacher:innen liessen sich nicht entmutigen.
Nach 709 Sendungen verabschiedete sich das Radio-Riesbach-Team Ende März 1991 mit einem grossen Abschlussfest im GZ aus dem Äther. Glücklicherweise wurden alle Sendungen aufgenommen und ein Teil davon ist erhalten geblieben. So können wir heute reinhören, wie sich dieses einzigartige Radioprojekt und die bewegten 1980er-Jahre im Quartier angehört haben.
Aufnehmen und senden
So gelangte das Programm aus dem Studio im GZ in die Riesbacher Haushalte.
Radio Riesbach wollte ein Hörer:innen-Radio zu sein. Deshalb zeigten die Radiomacher:innen ihrem Publikum immer wieder, wie ihr Handwerk funktionierte: Wie es im Studio aussah, wo die Antenne stand, wer die Menschen hinter den Mischpulten waren und mit welchen Fachbegriffen sie sich verständigten.
Gesendet wurde Radio Riesbach über Ultrakurzwelle (UKW). UKW entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten und meist genutzten Verbreitungsweg für Radio in der Schweiz. Im Vergleich zu Lang-, Mittel- und Kurzwellen, über die schon früher Radio gesendet wurde, ist die Reichweite von UKW zwar deutlich geringer. Dafür ist die Qualität in der Regel besser, weil die Wellen weniger störungsanfällig sind. Die Zahl der verfügbaren Frequenzen ist begrenzt. Wer über UKW senden möchte, muss beim Staat die Nutzung einer Frequenz beantragen. Genau das tat auch Radio Riesbach und erhielt eine sogenannte Konzession.
Die Sendeleistung der Radio-Riesbach-Antenne war streng reguliert und auf das Gebiet zwischen Tiefenbrunnen, Seeufer, Bellevue und Klusplatz beschränkt. Die Beschwerde der schweizerischen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT; das staatliche Unternehmen war in dieser Zeit unter anderem für die Sendeinfrastruktur zuständig) zeigt, dass das Einhalten der Vorgaben kontrolliert wurde. Die Radiomacher:innen erinnern sich aber daran, dass Radio Riesbach auch auf der anderen Seeseite empfangen werden konnte.
Wer ein älteres Radiogerät besitzt, kann auch heute noch UKW-Sendungen über die Einstellung «FM» empfangen. Seit Jahren wird darüber diskutiert, den UKW-Betrieb in der Schweiz zu beenden und ganz auf digitales Radio und Internetradio zu setzen. Das eigentlich beschlossene UKW-Aus für Ende 2026 wurde jüngst allerdings auf 2031 verschoben.
Der Schweizer Radioversuch
Das Riesbacher Quartierradio musste sich an genaue Regeln halten und es wurde wissenschaftlich begleitet. Denn es war Teil einer nationalen Versuchsanordnung. Damit wollte der Bundesrat herausfinden, ob und wie es in der Schweiz private Radiosender geben könnte.
Bis Anfang der 1980er-Jahre gab es in der Schweiz offiziell nur Radiosender, die zur Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) gehörten.
Doch spätestens seit den 1970er-Jahren forderten sogenannte «Piratensender» diese Sendehoheit immer stärker heraus. Engagierte Radiomacher:innen «kaperten» vorhandene Sendefrequenzen für ihre eigenen Programme und vor allem für Musik, bis die Sender von den Behörden gefunden, gestoppt, beschlagnahmt oder gestört wurden.
Viel Aufmerksamkeit erhielt dabei «Radio 24». Seit 1979 sendete das werbefinanzierte Musikradio vom Gipfel eines italienischen Berges, nahe der Schweizer Grenze, bis nach Zürich. 1982 entschied die Schweizer Regierung nach Jahren des Katz-und-Maus-Spiels mit den Piratensendern und wachsendem Druck aus der Bevölkerung, den Radiomarkt ganz vorsichtig und kontrolliert für private Anbieter zu öffnen. Interessierte konnten sich für eine der wenigen zur Verfügung stehenden Konzessionen bewerben, also für die zeitlich befristete Genehmigung, als Privatradio in einem bestimmten Gebiet der Schweiz zu senden.
Das Interesse war gross. Eines der über 200 Gesuche kam aus dem Quartier Riesbach. Und dieses Gesuch wurde angenommen. Im Sommer 1983 gehörte Radio Riesbach zu einem von 36 Radios, die ab Herbst 1983 in der Schweiz legal senden durften.
Reinhören
Verschaffen Sie sich einen Eindruck davon, wie sich Radio Riesbach und die 1980er Jahre im Quartier anhörten. Hier finden Sie eine Auswahl an Stimmen, die zwischen 1984 und 1991 gesendet wurden – über den Link unterhalb jeder Aufzeichnung gelangen Sie zur dazugehörigen Sendung und können diese in voller Länge nachhören.

Griechischer Markt
Interview mit einer griechischen Anwohnerin, die sich für den kulturellen Austausch im Quartier engagiert. Sie berichtet auch über Schwierigkeiten von nicht-deutschsprechenden Eltern in der Schweiz.


Feldeggstrasse
Auf einem Spaziergang durch die Feldeggstrasse erzählt Liz Mennel, welche Arten von Läden und Geschäften es dort gibt. Dann besucht sie den Städtischen Kindergarten und lässt die Kinder dort zu Wort kommen. Schliesslich kommt sie an zwei Bauruinen vorbei. Sie erklärt, warum die Häuser so verfallen sind und wie es damit weitergehen könnte.


Häuserabbruch Höschgasse
Die Liegenschaften an der Höschgasse 72, 74, 76 und 78 sollen abgebrochen werden. Bewohner:innen erzählen, wie es ist, dort zu wohnen, und warum sie hoffen, dass die Häuser bewahrt und renoviert werden können.
Abschiedssendung vom 24. März 1991
Die letzte Sendung von Radio Riesbach wurde live aus dem Gemeinschaftszentrum Riesbach gesendet. Ein lokaler TV-Sender war mit dabei und filmte die Veranstaltung. Zu Wort kommen aus dem Radio-Riesbach-Team Liz Mennel, Beat Ramseier, Erwin Detsch, Peter Detsch, Dani Thyssen und Stefan Schmid.